Die Kraft des Herzens – Ist Mitgefühl nur etwas für Verlierer?
Shownotes
Elon Musk nennt Empathie einen „Bug“ – einen Fehler im System westlicher Zivilisation. In dieser Folge fragen wir uns: Hat er damit recht? Oder ist Mitgefühl in Wirklichkeit unsere größte Stärke?
Ausgehend von aktuellen Nachrichten über Gewalt, Egoismus und Verrohung in unserer Gesellschaft sprechen unsere Podcast-Hosts Carsten und Christian mit Dr. Monika Dräger und Viola Steffen-Kreissel über die Kraft des Herzens und warum Mitgefühl keine Schwäche, sondern eine menschliche Ressource ist, die wir dringend brauchen.
Beide sind langjährige Schülerinnen von Dagyab Rinpoche und gemeinsam mit Saskia Wienholz Mitinitiatorinnen des neuen Praxiskurses „Die Kraft des Herzens“ zur mitgefühlsbasierten Ethik am Tibethaus. In dieser Folge erzählen sie, worauf dieser Kurs aufbaut, wie er strukturiert ist – und warum es so entscheidend ist, Mitgefühl nicht nur zu verstehen, sondern es wirklich zu üben.
Ein Gespräch über Herz, Haltung und Handlung – mit praktischer Übung zum Mitmachen!
Mitgefühlsbasierte Ethik hilft dir dabei:
- dich im Alltag weniger schnell aufzuregen und gelassener zu reagieren
- Mitgefühl aktiv zu kultivieren – auch gegenüber schwierigen Menschen
- den eigenen Wunsch nach Glück mit dem der anderen zu verbinden
- eine ethische Haltung zu entwickeln, die jenseits von Dogmen und Religion funktioniert
- klar zu erkennen, dass echtes Glück nie auf Kosten anderer funktioniert
Der Kurs ist geeignet für:
- Alle, die sich Fragen stellen, wie z.B. „Wie kann ich auch als Einzelne/r etwas Positives bewirken?“
- Menschen mit Interesse an Achtsamkeit, Ethik oder gelebtem Mitgefühl
- Einsteigerinnen und Einsteiger ohne Meditationserfahrung
- Fortgeschrittene, die ethische Tiefe in ihre Praxis bringen wollen
Weitere Infos und Anmeldung:
👉 www.tibethaus.com oder direkt per Mail an info@tibethaus.com
Transkript anzeigen
00:00:10: Carsten: Einen schönen guten Tag, Tashi Delek. Schön, dass ihr wieder dabei seid zu unserem Podcast heute. Wir freuen uns mit der nächsten Folge starten zu können. Bevor wir mit unserem Podcast inhaltlich einsteigen, muss ich Christian eine Frage stellen. Er sieht heute Morgen etwas niedergeschlagen aus und ich denke, es wäre gut zu wissen, woran das liegt. Und vielleicht bringt uns das ja heute auch auf ein interessantes Thema.
00:00:33: Christian: Also, das hast du richtig wahrgenommen. Bin heute Morgen wirklich nicht so gut drauf und es liegt einfach daran, dass ich die Nachrichten gelesen habe. Ich habe hier so ein bisschen durch die Zeitung geblättert und da lese ich zum Beispiel, na klar, also die ganzen Kriege und Konflikte, die es gibt auf der Welt, die stehen ja immer auf der ersten Seite. Aber das lese ich meistens schon gar nicht mehr. Ich habe jetzt mehr so im Deutschlandteil geblättert und da habe ich zum Beispiel gelesen, dass in diesem Wirecard Skandal – du erinnerst dich sicher, – jetzt der Ex CEO noch mal durch eine Aussage sehr belastet wurde: dass er nämlich ganz mit Absicht diese Milliarden verbrannt hat und sich gar nicht darum gekümmert hat, dass das Geld eigentlich gar nicht ihm gehört, also sehr skrupellos. Und dann lese ich hier auch im Spiegel, dass Hass und Gewalt in Deutschland anscheinend zunehmen, dass die Gesellschaft immer mehr verroht und Spiegel zitiert da auch eine Umfrage: 82 Prozent sehen ganz klar eine Zunahme von Egoismus und von Aggressivität im Alltag. Und als Beispiel werden auch diese Angriffe auf die Feuerwehrleute in der Silvesternacht genannt. Du erinnerst dich vielleicht in Berlin. Naja, dann steht hier auch was von einem erneuten Höchststand von häuslicher Gewalt in Deutschland. Also, dass fast 266.000 Menschen 2024 Opfer geworden sind von häuslicher Gewalt. Also im eigenen zu Hause, eigentlich ein sicherer Ort, könnte man denken. Und dass die Täter eben auch oft ungeschoren davonkommen. Also es hat mich schon ziemlich deprimiert und ich frage mich, ob da überhaupt noch Hoffnung besteht.
00:02:28: Carsten: Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Man landet dann immer bei der Frage: Ist der Mensch von Natur aus grundsätzlich gut oder ist er von Natur aus egoistisch? Und das Schöne ist, dass wir, passend zu deiner Stimmung heute, Gäste hier haben, wo wir vielleicht eine gute Antwort bekommen und auch eine positive Aussicht. Ich freue mich sehr, heute zusammen mit Dir, Dr. Monika Dräger und Viola Steffen Kreisel als Gäste im Podcast zu begrüßen. Monika arbeitet als Ärztin, Dozentin, Autorin und ist Mitherausgeberin des neuen Buches von Dagyab Rinpoche „Die Kraft des Herzens, ein Praxishandbuch“. Viola arbeitet als Diplom Psychologin, Personalentwicklerin, systemische Beraterin und Coachin. Beide sind langjährige Schülerinnen von Dagyab Rinpoche.
00:03:18: Christian: Gut, dass ihr hier seid. Ich freue mich, dass ihr hier seid und dass wir heute über dieses Thema auch sprechen können mit euch beiden. Wie ist es denn? Warum passiert denn sowas, was ich in den Nachrichten gelesen habe? Ist der Mensch denn tatsächlich naturgemäß eher egoistisch oder vielleicht sogar herzlos?
00:03:37: Viola: Also, ich würde sagen, von Grund auf ist der Mensch nicht herzlos. Der hat ganz viel Herz und Mitgefühl in sich. Und aus der psychologischen Sicht würde man auch sagen, es ist einfach ein Grundbedürfnis nach wie vor mit anderen Menschen, das jeder Mensch in sich trägt. Und du hast ja so Themen aufgelistet. Gerade wenn wir jetzt an sowas wie Krieg denken, muss man natürlich auch dran denken, dass wirklich die Grundbedürfnisse des Menschen nach Sicherheit betroffen sind. Und dass dann der Mensch für sich selbst sorgt und überleben will, ist wiederum ein ganz natürlicher Instinkt, weil jeder Mensch natürlich am Leben bleiben möchte. Und dass dann in dem Augenblick das Mitgefühl noch in ihm vorhanden ist oder in ihr, aber vielleicht ein bisschen nach hinten tritt in einem Krieg. So würde ich mir das erklären.
00:04:22: Monika: Also, mir ist bei deiner Frage eine alte indianische Geschichte eingefallen. Kennt ihr vielleicht auch schon: Die Geschichte von dem weißen und dem schwarzen Wolf, die in jedem Menschen wohnen? Ein Großvater und sein Enkelsohn unterhalten sich und der Großvater erzählt in jedem von uns wohnt ein schwarzer und ein weißer Wolf. Und der schwarze Wolf ist so für Gier und Hass, Ärger, Eifersucht, also all diese eher negativen Eigenschaften. Und der weiße Wolf ist so für Versöhnung, Liebe, Mitgefühl, Verständnis und so diese positiven Eigenschaften. Und die führen einen beständigen Kampf miteinander. Und der Enkelsohn fragt dann den Großvater: Ja, aber wer gewinnt denn dann? Und der Großvater: Ja, der, den du fütterst.
00:05:20: Christian: Ja, und füttern ist vielleicht auch ein ganz gutes Stichwort, denn wie kann man denn den weißen Wolf füttern? Gibt es da Möglichkeiten? Kann man das üben? Kann man Mitgefühl üben?
00:05:39: Viola: Üben ist auf jeden Fall total wichtig, wenn wir jetzt so dran denken. Einmal gibt es ja bestimmte Denkmuster in uns, die wir haben. Und das Positive hatten wir gerade schon gesagt, es gibt diesen weißen Wolf in uns. Und wenn wir praktisch viel uns mit Themen auseinandersetzen, dann ändert sich im Innern unsere innere Haltung und das wirkt sich irgendwann logischerweise auch auf unser Verhalten aus. Und schon ist es so, dass praktisch der weiße Wolf mehr gefüttert wurde und wir mehr Mitgefühl auch nach außen zeigen und auch in uns fühlen. Das ist trainierbar.
00:06:11: Carsten: Danke Viola für den Hinweis. Ich hatte ja in der Einleitung schon erwähnt, dass es ein neues Buch von Dagyab Rinpoche gibt. Herausgeberin ist die Monika und das Buch hat den Titel „Die Kraft des Herzens, ein Praxishandbuch“ und den Untertitel „Eine neue Ethik für uns und unsere Welt“. Und das geht ja auch in die Richtung, die wir gerade eben kurz angerissen haben, nämlich das Füttern des weißen Wolfes. Ist ein schönes Bild, danke Monika. Ich denke, das trägt uns ein bisschen auch durch diesen Podcast. Und wenn ein Buch als Praxishandbuch bezeichnet wird, dann bedeutet das ja auch, dass dort geübt werden soll und geübt werden kann. Und in diesem Buch gibt es ein sehr schönes Vorwort von Gert Skobel, dem Wissenschaftsjournalisten, der auch als Professor an der Universität in Bonn lehrt, der so ein bisschen was dazu gesagt hat, was wir unter dem Begriff Herz verstehen, weil das ist eben nicht der biologisch medizinische Begriff, sondern ich zitiere jetzt aus dem Vorwort „Gemeint ist vielmehr, was in der modernen Neurowissenschaft und Philosophie als „embodied consciousness“ oder „Heart-Mind“ bezeichnet wird. Die Verbindung von Emotionen bzw. Gefühlen mit Bewusstsein und Geist, was Vernunft und Verstand sowohl einschließt wie übersteigt. Herz ist das, was jemand in Wahrheit ausmacht und verantwortliches Handeln im Angesicht von Problemen und Veränderungen bestimmt.“ Und vielleicht möchtest du, Monika, den Faden an dieser Stelle aufnehmen und ein bisschen was zu den Grundsätzen vom Buch sagen, auf dem ja der Praxiskurs aufbaut.
00:08:01: Monika: Also, Dagyab Rinpoche hat vor fast 10 Jahren ein Wochenendseminar gehalten zum Thema „Säkulare Ethik“. Und das ist ein ganz großes Anliegen auch vom Dalai Lama gewesen, eine Ethik zu fördern, die sozusagen universell anwendbar ist. Die nicht auf religiösen Überzeugungen basiert und auch nicht auf Geboten oder Verboten, sondern sozusagen aus unserem Herz herauskommt. Er hat dazu zwei Prinzipien formuliert. Und zwar das eine ist so eine tiefe Erkenntnis, dass wir eigentlich alle Menschen oder eigentlich alle Lebewesen gleich sind in dem Wunsch, dass sie nicht leiden wollen, also dass sie Schmerz vermeiden wollen und dass sie auch glücklich sein wollen gleichermaßen. Also dass uns das alle verbindet. Und wenn man das nicht nur intellektuell, sondern auch so ganz tief wirklich versteht, dann entsteht daraus letzten Endes Mitgefühl auch für die anderen Menschen und Lebewesen. Das ist so dieses eine Prinzip. Und das andere Prinzip ist, dass wir erkennen, dass wir vollkommen, dass unser Wohlergehen vollkommen von Anderen abhängig ist. Das ist uns meistens gar nicht so bewusst, wenn wir jetzt erwachsen sind und unser eigenes Leben aufgebaut haben, Geld verdienen und so weiter. Wir können für uns selber sorgen. Das ist so unsere Weltsicht. Aber spätestens, wenn wir mal krank sind und dann auf Rettungssanitäter oder Ärzte angewiesen sind oder wenn dann mal, wenn ich unterwegs bin und der Zug kommt nicht pünktlich oder so, da sehe ich dann auf einmal: Oh hoppla, ich muss doch jetzt aber ganz dringend dahin und ich komme da nicht hin. Also da sehe ich dann auf einmal, wie ich von anderen abhängig bin. Und wenn man diese beiden Prinzipien zusammenbringt, dann folgt letzten Endes daraus, dass ich nicht auf Kosten anderer glücklich sein kann.
00:10:23: Carsten: Danke, Monika, ich bin sehr viel mit der Bahn unterwegs, von daher kann ich dieses Beispiel sehr gut nachvollziehen. Und was mir wirklich auffällt, ist, dass viele Menschen eher mit Aggression, Unverständnis, und jetzt sind wir auch wieder bei dem Punkt Egoismus, sozusagen ihre eigene Situation sehen und vielleicht gar nicht überlegen, was steht denn dahinter, was ist der Grund für die Verspätung. Ein gutes Beispiel ist, wenn Personenschaden durchgesagt wird, sprich, dass jemand in suizidaler Absicht sich vor den Zug geworfen hat. Und anstatt dann ein Stück zurückzutreten und einfach diesen Unfall auch zu sehen und den Menschen dahinter zu sehen, sind wir eben wieder bei dem Thema Egoismus „Ich werde aufgehalten“, „Ich verliere Zeit", „Ich komme nicht dahin, wo ich hin will.“ Und meine Frage ist an dieser Stelle, es passt, glaube ich, ganz gut: Wir haben vorhin das Thema Üben gehabt, wir haben das Wort Praxishandbuch gehabt, und im Tibethaus wird auch ab September ein Kurs zu dem Thema angeboten. Wie kann man denn konkret üben, um in diesen Situationen etwas gelassener zu werden und eben die Abhängigkeit zu sehen, sich nicht darüber aufzuregen, sondern es festzustellen und daraus Nutzen zu ziehen?
00:11:43: Viola: Wir haben uns vorgenommen, dass wir das Buch gemeinsam lesen und unser Gedanke ist, dass es darum geht, die Themen, die man kognitiv vielleicht schon versteht, Monika hat das ja eben als Beispiel gebracht. Eigentlich weiß jeder Mensch, dass wenn da jemand sich von Zug geschmissen hat, dass man dann selbst gerade nicht so wichtig ist. Das weiß jeder. Aber wir gleuben, dass es darum geht, dass man diese Themen tiefer ins Herz sinken lassen muss, weil in dem Augenblick nimmt man dann oft ja nur die eigene Emotion wahr, spürt, dass man ungeduldig wird. Und dann wird man mit einmal auf sich bezogen. Und was wir machen möchten, ist das, was sowieso schon in einem innewohnt, dass man nämlich, wenn man an nahe Menschen denkt, da hat man ja diesen Schutzmechanismus, wenn mit meinem Sohn was ist, mit meiner nahen Familie, weiß ich sofort, da möchte ich helfen. Und unsere Idee ist, dass wir mit vielfältigen Austauschrunden, mit vielfältigen Übungen, genau dieses, was schon in uns wohnt, dass wir das im Laufe der Zeit gemeinsam sozusagen ausdehnen wollen, dass wir das auch ausdehnen können auf Menschen, die neutral sind, die wir vielleicht nicht mögen. Und wir wissen auch höchstwahrscheinlich nicht unbedingt alles viel besser als alle anderen. Uns ist das wichtig, dass wir uns da auf Augenhöhe austauschen und gemeinsam wachsen .
00:12:55: Christian: Ist das eigentlich das, was mit mitgefühlsbasierter Ethik gemeint ist. Habe ich das richtig verstanden?
00:13:06: Viola: Genau, das ist mitgefühlsbasierte Ethik. Genau. Dass man sich selbst reflektiert und sich klar macht, das, was ich mir für mich selbst wünsche, wünsche ich mir für mein nahes Umfeld und das wünsche ich mir aber auch für Menschen, die ferner stehen. Monika, möchtest du noch ergänzen?
00:13:19: Monika: Ja, also wir haben uns für den Begriff mitgefühlsbasierte Ethik entschieden, weil der Begriff „Säkulare Ethik“, den der Dalai Lama benutzt, der Begriff säkular hat im Westen so ein bisschen so den Beigeschmack von „gegen die Religion“ und das wollten wir vermeiden. Es geht überhaupt nicht gegen irgendeine Religion, sondern wir haben uns dann halt gefragt: „okay, was ist so die Basis dieser Ethik? Und das ist dieses Mitfühlen, das Hineinfühlen in den anderen, dass, wie die Engländer sagen, in die Schuhe des anderen reinsteigen und da ein Verständnis für zu entwickeln. Und deswegen ist der Begriff „mitgefühlsbasierte Ethik“ entstanden.
00:14:14: Christian: Also, es geht auch ein Stück weit um Empathie, wenn ich das richtig verstehe. Also quasi sich mit anderen zu verbinden, ist das so?
00:14:21: Monika: Genau, ja, also Empathie ist sozusagen die Grundlage, wobei Mitgefühl, wenn wir jetzt in die Begriffsdefinition reingehen würden, noch ein bisschen mehr ist als Empathie. Es hat auch gleichzeitig so den Wunsch, wenn ich helfen kann, dass ich dann auch helfe oder der Wunsch zu helfen. Man kann nicht immer helfen, aber zumindestens der Wunsch ist noch mit dabei. Aber das ist jetzt Begriffsdefinition.
00:14:50: Christian: Na, ich finde schon auch gut zu wissen, wovon wir sprechen. Die Dinge werden ja auch leicht mal in einen Topf geworfen, bedeuten aber doch was anderes. Aber wenn wir jetzt gerade von Empathie sprechen, ich habe ja neulich, um noch mal zu den Schreckensnachrichten vom Einstieg zurückzukehren, ich habe neulich gehört, auch in einem Podcast, wie Elon Musk, den wir ja alle kennen, der Chef von Tesla und SpaceX und so weiter, wie der doch tatsächlich gesagt hat, die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie, hat er gesagt. Also wörtlich "its a bug", hat er gesagt. Und das ist natürlich wieder eine ziemlich harte Ansage. Und hier wird Empathie mit Schwäche verwechselt. Wie seht ihr das?
00:15:41: Monika: Da würde ich widersprechen wollen und sagen, die fundamentale Stärke der Menschheit oder auch vieler höherer Tiere, sogar auch wenn man das beobachtet, also sagen wir mal, die fundamentale Stärke der Menschen und auch der sozial lebenden Tiere, ist Empathie. Da gibt es auch bei Affen Beobachtungen, wenn ein Affenbaby schreit, dann kommt ein anderes und tröstet es. Also da haben nicht nur die Menschen sozusagen ein Monopol darauf oder sogar wenn man jetzt YouTube Videos, Tiervideos sich anguckt, gibt es eine ganze Menge Videos, wo sogar über Artgrenzen hinweg anderen Tieren geholfen wird. Also das ist unsere Stärke.
00:16:36: Christian: Also Musk liegt da ein bisschen daneben?
00:16:39: Monika: Ja, der liegt ziemlich daneben, würde ich sagen!
00:16:45: Viola: Ich könnte auch noch einen Aspekt ergänzen. Uns geht es auch nicht darum, dass wir danach als selbstlose Menschen aus diesem Kurs hervorgehen, sondern es geht auch darum, dass ich auch immer Selbstliebe und Mitgefühl mit mir selbst habe. Natürlich geht es darum, dass wir das Mitgefühl ausdehnen, aber es geht nicht darum, dass ich mich um jeden Preis aufopfere. Das wird manchmal auch falsch verstanden. Das ist mir eben noch dabei eingefallen, als du das gesagt hast.
00:17:08: Christian: Also, es geht nicht darum, dass ich jetzt alle meine Interessen und Bedürfnisse quasi negiere, unterdrücke und mich da quasi aufopfere. Darum geht es nicht. Habe ich das richtig verstanden?
00:17:20: Viola: Genau, weil wenn ich mich jetzt völlig aufopfern würde, wäre ich irgendwann entkräftet, hätte dann praktisch auch überhaupt keine Möglichkeiten mehr, mein Leben zu leben und auch anderen zu helfen. Es geht immer um ein gutes Gleichgewicht. Ich muss auch gut für mich selbst sorgen, um dann auch Mitgefühl für andere haben zu können. Das hat bestimmt auch jeder schon mal erlebt, wenn es einem gerade selbst nicht gut geht und man denkt dann, ich mache sonst wie was Tolles, merkt man oft, man wird auf sich selbst zurückgeworfen, muss sich vielleicht erstmal eine halbe Stunde ausruhen. Und wenn es einem wieder besser geht, hat man auch wieder ein offenes Ohr für andere.
00:17:54: Monika: Ja, da möchte ich auch noch etwas ergänzen. Also Mitgefühl und da passt auch wieder das Wort „Kraft des Herzens“ gut. Mitgefühl hat auch was mit Stärke zu tun. Und es kann manchmal notwendig sein, ganz klare Grenzen zu setzen, nicht nur um sich selber zu schützen, sondern auch der anderen Person gegenüber. Viola ist Mutter, die nickt. Jeder Elternteil weiß, man muss manchmal ganz klar sei bis hierhin und nicht weiter, muss man sagen können. Das gehört auch zum Mitgefühl.
00:18:26: Carsten: Ich denke, der Hinweis auf Elon Musk erinnert mich noch mal ein bisschen an das, was Monika vorhin gesagt hat, Diese zwei Prinzipien, auf denen das Buch und letztendlich ja auch dann der Kurs beruht. Und der zweite Aspekt war ja die gegenseitige Abhängigkeit, das Verbunden sein. Und ich glaube, dass gerade Menschen wie Elon Musk mit den Möglichkeiten, die sie haben, fatalerweise den Eindruck haben, dass sie eben nicht verbunden sind, sondern alleine dastehen. Und wenn man sich alleine sieht, dann ist es natürlich naheliegend zu sagen: Alles andere ist Schwäche und eben nicht Stärke. Und wir reden jetzt von Extrembeispielen. Gott sei Dank bewegen wir uns nicht in diesen Sphären. Und von daher denke ich, ist es einfach ein sehr schöner Anreiz, was ihr gesagt habt, für sich zu üben, wie ich diesen weisen Wolf füttern kann und eben auch gleichzeitig zu üben, dass ich mit allen verbunden bin und von allen abhängig bin und nicht alleine dastehe.
00:19:28: Viola: Ich habe gerade beim Zuhören noch gedacht, ich möchte noch eine Ergänzung sagen. Also natürlich finde ich jetzt Elon Musk auch nicht den sonst wie tollen mitfühlenden Menschen, aber wenn man ihn beobachtet, sieht man, dass er zum Beispiel seinen Sohn auch oft dabei hat. Also uns geht es in dem Kurs auch darum, hinzugucken, dass man vielleicht eine Handlung nicht gut finden kann, aber der Mensch als solcher, auch ein Elon Musk hat ein Herz und der bringt seinen Sohn mit, aus welchen Gründen auch immer, aber dem steht er nahe. Das wollte ich gerne noch ergänzen. Also es geht uns auch darum, immer genau hinzugucken. Das ist dann nicht der gesamte Mensch, sondern das ist ein Teilaspekt, den wir gerade wahrnehmen. Also ich will den jetzt nicht schönreden, aber ich will zumindest ergänzen: Jeder Mensch hat, das war ja vorhin Monikas Beispiel, in sich auch den weißen Wolf und manchmal kommt halt der Schwarze mehr nach vorne.
00:20:22: Christian: Ja, ich habe jetzt schon ein paar Mal gehört, es gibt den Kurs. Wollt ihr vielleicht mal kurz sagen, was erwartet einen da? Ist das ein Kurs für Fortgeschrittene, für Anfänger? Muss man da buddhistisches Wissen mitbringen oder Meditationserfahrung? Was kann ich mir darunter vorstellen konkret?
00:20:41: Viola: Also, das ist ein Kurs, der ist offen für alle. Wir sind selbst auch neugierig, wer sich anmeldet. Wir sind darauf eingestellt, dass wirklich jeder kommt. Man muss nicht meditieren können oder schon meditiert haben, um zu kommen. Wir wollen uns ganz viel gemeinsam in das Thema Mitgefühl eindenken. Wir gehen nach und nach durch, haben verschiedene Methoden. Es gibt vielleicht mal einen kleinen Input, dann gibt es Austausch, es gibt Reflexionsübungen und wir möchten auch kleine Meditationen anleiten. Aber das dient eher dem Zweck, sich mal zu öffnen und vielleicht auch was Neues auszuprobieren. Das Format ist so, dass wir uns an Wochenenden treffen möchten, meistens an Sonntagen, manchmal auch Samstags und da dann praktisch immer drei Stunden, sodass man das vielleicht ganz gut in den persönlichen Alltag auch integrieren kann.
00:21:30: Monika: Ja, vielleicht wichtig zu ergänzen, der Kurs wird online stattfinden. Zum einen, damit möglichst viele bundesweit oder vielleicht sogar im weiteren deutschsprachigen Raum auch teilnehmen können und zum anderen, weil ich selber erkrankt bin und auch gar nicht reisen könnte. Aber das ist nur so ein Nebenaspekt. Wir werden den Kurs zu Dritt leiten. Uns habt ihr ja vorhin schon vorgestellt. Und die dritte im Bunde ist Saskia Wienholz. Sie macht mitgefühlsbasierte Prävention, bietet sie unter anderem auch im Tibethaus an.Für SEE Learning ist sie auch Ausbilderin und ich denke, wir drei sind eine ganz gute Kombination als, ich sage jetzt mal „Kursleiterinnen“. Aber es ist uns trotzdem ganz wichtig zu sagen: Wir haben zwar Erfahrung mit Unterrichten, aber wir sind jetzt keine Expertinnen für mitgefühlsbasierte Ethik, sondern wir wollen das wirklich gemeinsam im Kurs erforschen und auch selber üben und hoffen auch gegenseitig und auch von den Teilnehmerinnen noch weiter lernen können.
00:22:50: Christian: Ich stelle mir das so vor, dass ihr da auch im Austausch seid mit denen, die da kommen. Also es ist jetzt nicht so, ihr erzählt, was die anderen hören zu, sondern ihr seid im Austausch, ist das so?
00:23:00: Monika: Genau. Und der Austausch hat einen ganz, ganz großen Stellenwert. Austausch untereinander der Teilnehmerinnen und Übung. Also wir werden viele Meditationen und Reflexionen, auch teilweise schriftlich, teilweise nur gedankliche Reflexionen und dann wird es auch Angebote geben, so dass die Teilnehmer innen auch Übungen im Alltag machen können. Also wir treffen uns einmal im Monat jeweils online, aber die Zeit dazwischen soll halt sein, dass man kleine Übungen in den Alltag einbauen kann, damit das vertieft wird.
00:23:46: Christian: Wenn ich das so höre, hätte ich gleich Lust zu üben. Carsten, wie sieht es bei dir aus? Sollen wir vielleicht fragen, ob wir ein bisschen üben können?
00:23:52: Carsten: Mir geht es genauso. Wir finden es immer ganz schön, wenn wir durch unseren Podcast für diejenigen, die zuhören, einen praktischen Nutzen generieren und ein Gefühl für eine Übung zu kriegen, die vielleicht auch im Alltag helfen kann, wäre natürlich etwas Schönes. Habt ihr da etwas, was passen würde an dieser Stelle?
00:24:09: Monika: Ja, ich könnte eine kleine Übung mit euch machen und die könntet ihr dann auch später vielleicht in den Alltag einbauen, aber machen wir vielleicht erstmal die Übung Setzt euch erstmal einigermaßen bequem hin und wenn ihr möchtet, könnt ihr, um so ein bisschen zur Ruhe zu kommen, vielleicht noch ein oder zwei tiefere Atemzüge nehmen. Bei der Übung wird es um das erste der beiden Prinzipien gehen, um das „gemeinsame Mensch sein“. Und dazu bitte ich euch: Überlegt mal, ob ihr eine Person findet, die ihr öfter seht, aber zu der ihr relativ neutrale Gefühle habt. Zum Beispiel eine Verkäuferin oder ein Verkäufer in einem Geschäft, wo ihr öfter hingeht oder eine Nachbarin oder Nachbar, die ihr zwar regelmäßig seht, aber wo ihr jetzt keine besonderen Gefühle dafür habt. Und wenn ihr so eine Person gefunden habt, dann überlegt euch: Worin ist diese Person und ihr selber genau gleich. Zum Beispiel: Genau wie ich möchte diese Person genug zu essen haben? Genau wie ich möchte diese Person keine Schmerzen haben? Genau wie ich möchte diese Person glücklich sein und so weiter. Lasst einfach eurer Phantasie ein bisschen freien Lauf. Dann lasst eure Überlegungen langsam zu Ende kommen und spürt noch einmal kurz in euch: „Wie fühlt ihr euch jetzt?“ und „Wie fühlt ihr Euch, wenn ihr an diese Person denkt?“ Dann könnt ihr noch ein, zwei tiefere Atemzüge wieder nehmen, dann die Reflexion beenden. Das war jetzt also eine ganz kurze Übung, sehr verkürzt für diesen Podcast, aber so ungefähr solche Übungen werden wir machen. Und eine entsprechende Übung, die ihr vielleicht dann auch in den Alltag einbauen könnt, das habe ich mal eine Zeit lang gemacht: Immer wenn ich U-Bahn gefahren bin, wenn ich den U-Bahnhof runtergegangen bin, sind, was weiß ich, hunderte von Menschen da. Und immer wenn ich einem begegnet bin, habe ich gesagt: „Genau wie ich möchte er oder sie glücklich sein.“ und das bei jedem Menschen, den man trifft, machen. Also das wäre zum Beispiel eine kleine Übung für den Alltag. Und wenn ihr das mal ausprobiert, könnt ihr vielleicht erstaunliche Dinge feststellen mit der Zeit.
00:27:25: Christian: Also, vielen, vielen Dank, Monika! Das war eine gute Übung. Das werde ich gleich nachher ausprobieren. Wenn ich U-Bahn fahre, werde ich gleich nachher mal ausprobieren.
00:27:35: Carsten: Ja, vielleicht für diejenigen von euch, die zuhören: Wenn ihr neugierig geworden seid. Kraft des Herzens – ein Praxiskurs zu Mitgefühl basierter Ethik live online. Monika hatte es gesagt: Der Kurs startet am 07.09. und weitere Informationen findet ihr auf der Webseite des Tibethauses.
00:27:55: Christian: Danke, Carsten. Vielen Dank euch beiden, dass ihr heute unsere Gäste wart, Monika und Viola. Ich denke, es ist ein super spannendes und super wichtiges Thema und ich hoffe, dass viele ein bisschen neugierig geworden sind und gemerkt haben, dass es auch durchaus praktischen Nutzen hat, sich mit dem Thema in der Tiefe und in der Praxis auseinanderzusetzen.
00:28:17: Monika: Vielen Dank, dass wir zu Besuch sein durften bei euch.
00:28:21: Carsten: Ich danke euch. Vielen Dank für eure wertvolle Arbeit. Das ist wirklich ein interessantes und wichtiges Thema.
00:28:27: Viola: Vielen Dank. Tschüss!
00:28:32: Carsten: Und wenn du dich zu dem Praxiskurs anmeldest, bekommst du das Buch „Die Kraft des Herzens - ein Praxishandbuch“ dazu. Du kannst das Buch natürlich auch im Tibethaus-Shop online oder vor Ort kaufen oder im Buchhandel beziehen.
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